Die zwei Gesichter des Hanfs: Rauschmittel und Therapeutikum

THC, der Hauptbestandteil von Cannabis, beeinlusst auf vielfältige Weise den menschlichen Organismus. Wenngleich auch andere Verbindungen des Hanfs ihre Wirkung entfalten, so ist THC die Komponente mit dem größten Effekt. Die akute Toxizität ist minimal und Todesfälle nach THC-Konsum wurden bisher nicht beschrieben. Cannabis-Aufnahme führt zu einem Gefühl des Wohlbefindens und der Entspannung, zu veränderten Raum-und Zeiterfahrungen sowie zu intensiverem Wahrnehmen von optischen und akustischen Signalen. Aber auch Störungen des Denkens, Angstzustände oder somatische, das heißt, organische Veränderungen, wie eine beschleunigte Herzfrequenz oder ein veränderter Blutdruck gehören zu den durch Cannabis verursachten Wirkungen.

THC als Suchtmittel – der Vergleich zu Nikotin und Alkohol

Wann spricht man von einer Sucht?

Eine Sucht oder auch Abhängigkeit ist gegeben, wenn ein zwanghaftes Verlangen nach einem bestimmten Gefühls-oder Bewusstseinszustand, der z. B. nach Einnahme bestimmter Substanzen erreicht wird, vorliegt.

Dabei wird nach psychischer und physischer, das heißt, körperlicher Abhängigkeit unterschieden. Eine psychische Abhängigkeit besteht, wenn man dem Verlangen nach einer bestimmten Droge nicht widerstehen kann, wobei keine Entzugserscheinungen vorliegen müssen. Die körperliche Abhängigkeit ist dagegen gekennzeichnet durch die Tatsache, dass zur Erzielung der gleichen Wirkung sukzessive größere Mengen benötigt werden (auch als Toleranzbildung bezeichnet) und beim Absetzen Entzugserscheinungen, wie z. B. Übelkeit und Schmerzen, auftreten.

Für die Entstehung und Entwicklung einer Sucht ist das Zusammenspiel dreier Faktoren von Bedeutung:

  1. die Droge selbst
  2. die Persönlichkeit des Menschen
  3. das Umfeld.


Während der Faktor "Droge" nachvollziehbar ist, ist die Größe "Mensch" schwerer zu fassen. In vielen Fällen diskutiert man die genetische Disposition (Anfälligkeit), aber auch die Interaktion mit der Umwelt. Bei einigen Substanzen ist es inzwischen gelungen, nachzuweisen, dass die genetische Ausstattung einen Einfluss auf das Suchtverhalten hat. Für Raucher wurde eine Genvariante gefunden, die in Verbindung mit einem deutlich höheren Zigarettenkonsum stand. Für dieses spezielle Gen wird ein Zusammenhang mit der Funktionsweise von Nikotin-empfindlichen Rezeptoren im menschlichen Körper angegeben. Menschen mit einer bestimmten Variante dieses Genes rauchten deutlich mehr und erkrankten häufiger an Lungenkrebs. Für Cannabis fand ein Forscherteam aus London einen Hinweis auf eine Genvariante, die das Risiko einer Psychose nach Cannabiskonsum erhöht. Das Gen, das in ihren Fokus geriet, ist bereits in Verbindung mit Schizophrenie beschrieben worden.

Dennoch sollte man sich darüber im Klaren sein: Niemand ist nur wegen seiner Gene drogenabhängig. Bei einigen Substanzen scheint der Einfluss des Umfelds größer zu sein. Bezüglich des Cannabis-Konsums ist das Milieu von größerer Bedeutung als beim Alkoholkonsum. Legale Substanzen wie Alkohol und Nikotin sind nahezu uneingeschränkt verfügbar und werden von der Gesellschaft allgemein akzeptiert. Genetische Ausstattung und Umfeld beeinflussen sich gegenseitig und interagieren miteinander.

Sucht: Was passiert im Kopf?

Das Gehirn ist der Ort, wo sich die neurobiologischen Veränderungen, die zur Sucht führen, vollziehen.
Die spannendste Region in diesem Zusammenhang stellt das mesolimbische System dar, das auch als „positives Belohnungssystem“ bezeichnet wird, weil es für die Übermittlung von Wohlbefinden und Freude als „Belohnung“ verantwortlich ist. Neben bestimmten Arealen gibt es körpereigenen Stoffe, die an der Suchtbildung besonders beteiligt sind. In dem Belohnungssystem spielt Dopamin als Neurotransmitter, also Botenstoff, der Informationen zwischen Nervenzellen über deren Synapsen, das heißt den Kontaktstellen, weitergibt, eine dominierende Rolle. Dopamin-Freisetzung ist das Schlüsselereignis bei der Suchtentwicklung. Sie ist mit Glücksgefühlen und gleichzeitig mit dem Lernprozess gekoppelt und kann zusätzlich durch andere körpereigene Stoffe, wie z. B. Endorphine (eigentlich „endogene (körpereigene) Morphine“ oder auch als Glückshormone bezeichnet) verstärkt werden.

Verschiedene Substanzen, beispielsweise Drogen, sind in der Lage, dieses System auszutricksen, indem sie es aktivieren – und das zum Teil stärker als die körpereigenen Stoffe. Dabei greifen sie in die Wirkung verschiedener Neurotransmitter (Botenstoffe) ein, indem sie deren Aktion imitieren, unterbinden oder mit ihnen interferieren (sie überlagern), und schließlich den Dopamin-Spiegel ansteigen zu lassen. Auf diese Weise agieren neben Cannabis auch Alkohol und Nikotin.
Das Prinzip ist das gleiche: Über verschiedene Botenstoffe wird Dopamin freigesetzt und damit das Belohnungssystem aktiviert. Und ein zweiter Effekt kommt hinzu: Die dazu notwendige Menge der Droge steigt an. Das heißt, bei gleichbleibenden Dosen verringert sich der Effekt. Ein Grund dafür kann die Verringerung der Empfindlichkeit der Rezeptoren („Erschöpfung“) sein, was wiederum die Erhöhung der notwendigen Dosis für den gleichen Effekt zur Folge hat. Damit entsteht ein Teufelskreis, aus dem ein Ausstieg schwer ist. Welches Suchtpotential hat Cannabis? Dabei muss man die anfangs erläuterte psychische und die körperliche Wirkung unterscheiden. Bezüglich des psychischen Effekts herrscht Einigkeit in der wissenschaftlichen Literatur: Cannabis-Einnahme kann zu psychischer Abhängigkeit führen. Dagegen ist eine körperliche Abhängigkeit bis jetzt nicht belegt worden, auch wenn diese Sichtweise gegenwärtig unpopulär zu sein scheint. Anders sieht es bei langzeitigem Alkoholkonsum aus: Beim Absetzen kommt es zu massiven Entzugserscheinungen, die für eine starke körperliche Abhängigkeit sprechen. Ähnlich verhält es sich mit Nikotin, das ebenfalls Entzugserscheinungen verursacht: z.B. Reizbarkeit und Nervosität. In vielen Studien wird deshalb das Suchtpotential von Nikotin und Alkohol sehr viel höher eingeschätzt als das von Cannabis, wobei Nikotin das höchste Suchtpotenzial von diesen Dreien hat.

Medizinische Nutzung der Cannabinoide - Perspektiven

Cannabis enthält zirka 480 Verbindungen, von denen etwa 80 der Gruppe der Cannabinoide angehören, die medizinisch oder zu wissenschaftlichen Zwecken genutzt werden. Medikamente auf Cannabis-Basis sind in der medizinischen Literatur als mögliche sekundäre Behandlungsmittel für starke Schmerzen, Spastik, Appetitlosigkeit (Anorexia), Übelkeit, Schlafstörungen und zahlreiche andere Krankheitszustände zitiert worden.

Bei Verwendung als Therapeutikum muss jedoch diese angesichts der Nebenwirkungen kritisch hinterfragt werden: Rechtfertigt das Risiko den Einsatz im konkreten Fall? Sind die alternativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft? Problematisch ist zudem, dass es vielfach kein standardisiertes Behandlungsschema gibt, oft sogar die passende Dosierung erst ermittelt werden muss.

Therapeutisch genutzt werden vor allem die Eigenschaften von Cannabis auf das zentrale Nervensystem: beispielsweise zur Behandlung von ungewollten Bewegungsstörungen und von spastischen Lähmungen, wie sie beim Tourette Syndrom auftreten, oder gegen den Tremor bei Multipler Sklerose. Bei chronischen Schmerzen bedeutet die Gabe von Cannabis zur Schmerzreduktion einen Gewinn für den Patienten, der sonst mit Opiaten therapiert werden würde. Cannabis verstärkt die Wirkung von Opiaten, deren Suchtpotential größer ist, so dass diese in niedrigeren Dosen eingesetzt oder gänzlich substituiert werden können.

Bei Patienten mit grünem Star (Glaukom), einer Erkrankung, die im Zusammenhang mit einem erhöhten Augeninnendruck gesehen wird, konnte dieser wirkungsvoll durch Cannabis gesenkt werden.

HIV/AIDS-Erkrankungen sind häufig begleitet von Schmerzzuständen und Appetitlosigkeit. Cannabis-Einnahme verringert die Schmerzen und verbessert den Appetit und damit auch die Lebensqualität.

THC vermag das Fortschreiten der Alzheimer Erkrankung, deren Ursache in der Bildung von sogenannten „Alzheimer-Plaques“ (krankhaften Ablagerungen im Gehirn) liegt, zu verzögern. Forscher fanden heraus, dass THC wirkungsvoller als alle anderen Medikamente die Wirkung eines am Prozess der Plaque-Bildung beteiligten Enzyms, der Acetylcholinesterase, unterdrückt und darüber hinaus auch andere in dem Krankheitsverlauf involvierte Prozesse günstig beeinflusst.

In einer Studie eines kalifornischen Instituts wurde 2010 nachgewiesen, dass der Prozess der Metastasierung bei Brustkrebs unterdrückt werden konnte durch Anwendung von Cannabidiol (CBD), das in der Lage ist, ein spezielles Gen (ID1) herunterzuregulieren, das an der Tumorverbreitung beteiligt ist. Damit wäre dies eine nicht-toxische Alternative zur Chemotherapie. Diese Resultate werden weiter untersucht. Die ersten präklinischen Studien laufen bereits.

In einer Untersuchung an Mäusen mit Hirn-Tumoren wurde THC eingesetzt und herausgefunden, dass dieses nach etwa 30-tägiger Therapie selektiv Krebszellen eliminierte, wobei gesunde Zellen intakt blieben. Erste Anwendungen beim Menschen scheinen dies zu bestätigen. Der Mechanismus dieser Wirkung ist jedoch noch unklar.

Neuere Untersuchungen beschäftigen sich mit dem Einsatz von Cannabis bei Fettleibigkeit (Adipositas). Bekannt ist, dass Cannabis Hunger auslösen kann. Jedoch für zwei der Cannabinoide, das THCV (Tetrahydrocannabivarin) und CBD (Cannabidiol) konnten jetzt Appetit unterdrückende Effekte bestätigt werden. Im Tierversuch wurde gezeigt, dass dabei die Körperfettmenge und die Reaktion auf Insulin, einem Hormon, das die Fettspeicherung unterstützt, reduziert wird. Der Fettgehalt in der Leber wie auch der Cholesteringehalt konnte auf diese Weise gesenkt werden. Weitere Tests sind nun auch am Menschen geplant.

In der Zwischenzeit gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen zum Einsatz von Cannabis in der Medizin und viele erfolgversprechende Ansätze. Die neuen Möglichkeiten der Anwendung, z. B. als Spray oder zum Inhalieren anstelle des Rauchens, unterstützen die Bemühungen. Die Aufklärung der Mechanismen sowie die Frage nach der optimalen Dosis und der Minimierung der Nebeneffekte stehen dabei auch in Zukunft im Vordergrund der wissenschaftlichen Studien.

Abbau und Nachweisbarkeit von THC

Die Wirkung von THC ist bereits längst vorüber, jedoch der Abbau bei Weitem noch nicht abgeschlossen: Er dauert Tage bis Wochen. Auf Grund seiner Fettlöslichkeit, lagert sich THC vorrangig in fettstoffreichen Strukturen an und wird dort sehr langsam abgebaut. Diese Tatsache hat Konsequenzen, insbesondere bei Kontrolluntersuchungen auf THC, beispielsweise bei polizeilichen Ermittlungen und Verkehrskontrollen. Während man im Speichel nur den kurz zurückliegenden Gebrauch (bis zu 24 Stunden) nachweisen kann, ist dieses im Blut oder Urin für etwa einem Monat möglich. Abhängig ist dieser Zeitwert von der Häufigkeit des Konsums und von den individuellen Faktoren beim Abbau. Im Urin werden THC-Abbauprodukte nachgewiesen, die wasserlöslich sind, z. B. nach Umwandlung in THC-Carbonsäure.

Der Haartest als Nachweis für Drogenkonsum hat es in der Vergangenheit oft in die Schlagzeilen geschafft. Tatsache ist, dass im Haar Drogen am längsten nachweisbar sind. Interessanterweise wurde festgestellt, dass in dunklem Haar die Konzentration der analysierbaren Drogenrückstände höher ist. Cannabis kann bis zu drei Monate nach dem letzten Konsum nachgewiesen werden.

Gesetzeslage und Ausnahmeregelungen in Deutschland

Wegen des Verbots von Hanf in Deutschland ist der medizinische Einsatz zurzeit erschwert. Natürliche Hanfprodukte können nicht verschrieben werden, jedoch ausgewählte synthetische Präparate, die jedoch nicht das gleiche Wirkungsspektrum zeigen.
Synthetisches THC wird als Marinol bzw. Dronabinol im nicht-deutschsprachigen Raum vertrieben. Als Indikationen werden starke Schmerzen, Spastik und schwere Formen von Appetitlosigkeit, z. B. im Zusammenhang mit einer Chemotherapie, angegeben. Für eine sehr gut begründetet Indikation kann das Bundesamt für Gesundheit eine Ausnahmebewilligung vergeben.

Ein Gemisch mit standardisierten Anteilen von THC und Cannabidiol (CBD) findet Anwendung in einem weiteren Medikament: Nabiximol. Es wird zur Behandlung von spastischen Symptomen bei Multipler Sklerose und von chronischen Schmerzzuständen bei Krebspatienten eingesetzt. Der Wirkstoff wird als Spray (Sativex) im Wangeninneren appliziert, da THC durch die Mundschleimhäute aufgenommen werden kann. Auch dieses Medikament ist in Deutschland für spezielle Erkrankungen und unter bestimmten strengen Auflagen zugelassen.

Die Entwicklung auf dem medizinischen Sektor schreitet kontinuierlich voran, jedoch werden leider aktuelle Informationen dazu nur sehr zurückhaltend publiziert und so hat Cannabis als Therapeutikum nach wie vor eine sehr kleine Lobby unter den Ärzten. Um gegen diesen Zustand anzugehen und die Vewendung von Cannabis in der Medizin zu fördern, haben Ärzte, Apotheker, Juristen und weitere interessierte Personen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich 1997 eine Organisation namens „Arbeitsgemeinschaft – Cannabis in der Medizin“ gegründet, die sich 2000 in die „Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“ (IAMC) umwandelte.